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Elternsein - die ganze Katastrophe

von Jon Kabat-Zinn und Myla Kabat-Zinn

Wenn wir Eltern werden, ob absichtlich oder zufällig, verändert sich sofort unser ganzes Leben. Es kann allerdings einige Zeit dauern, bis wir merken, wie umfassend diese Veränderung tatsächlich ist. Als Eltern sind wir zwangsläufig großem Streß ausgesetzt. Auch sind wir auf eine Weise verletzlich, wie wir es vorher nicht kannten.

Eltern zu werden fordert von uns eine völlig neue Art der Verantwortlichkeit. Es ist eine bis dahin ungekannte Herausforderung und zwingt uns, unsere Zeit und Aufmerksamkeit von anderen Dingen - uns selbst eingeschlossen - in einem bis dahin ungekannten Maße abzuziehen.

Eltern werden mit Chaos, Unordnung und Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert, es ergeben sich zahllose Anlässe für verbale Auseinandersetzungen, Streits und Irritationen - sie leiden unter dem Lärm, den scheinbar unendlichen Verpflichtungen und Erledigungen. Ständig gibt es neue Anlässe, sich hilflos, festgefahren, wütend, gereizt, verletzt, überfordert, alt oder unwichtig zu fühlen.

Das erleben wir als Eltern nicht nur, solange unsere Kinder noch klein sind, sondern auch noch, wenn sie schon erwachsen sind und ein eigenes Leben führen. Kinder zu haben scheint geradezu zu bedeuten, daß man um Schwierigkeiten bittet.

Warum sollte man sich das also antun? Kinder geben uns die Möglichkeit, am Pulsieren der Lebensenergie auf eine Weise teilzuhaben, wie wir es nicht erfahren könnten, wenn sie nicht ein Teil unseres Lebens würden. Besonders wenn unsere Kinder noch sehr jung sind, ist es unsere Aufgabe, für sie da zu sein und sie, so gut wir können, zu unterstützen und zu schützen, damit sie unbekümmert das immense Potential des Kind-Seins erfahren können.

Dabei stellen wir ihnen auf eine unaufdringliche Weise soviel Unterstützung zur Verfügung, wie wir ihnen aus unserer gewonnenen Lebenserfahrung und Weisheit geben können, so daß sie in die Lage versetzt werden, ihren eigenen Weg zu finden.

Kinder verkörpern die besten Seiten des Lebens. Sie leben in der Gegenwart, sie sind reine Möglichkeit, und sie verkörpern Vitalität, Entwicklung, Erneuerung und Hoffnung. Sie sind ganz und gar nur das, was sie sind. Und sie teilen dieses vitale Sein mit uns und erwecken es auch in uns zu neuem Leben, wenn wir ihren Ruf zu hören vermögen.

Sobald wir Kinder haben, verändert sich unser Kontakt zum übrigen Universum und unsere Sicht aller Dinge völlig. Wir empfinden plötzlich eine Verbundenheit mit den Hoffnungen und Schmerzen anderer, wie wir es vielleicht noch nie erlebt haben. Wir verspüren plötzlich ein tieferes Mitgefühl mit den Leiden und Problemen anderer Menschen. Wenn wir uns um das Wohl unserer Kinder sorgen, sehen wir auch Armut, Umweltprobleme, Kriege und die Zukunft in einem anderen Licht.

Sorbas, der rauhe, warmherzige Held aus Nikos Kazantzakis Roman Alexis Sorbas, antwortete auf die Frage, ob er jemals verheiratet gewesen sei: "Bin ich etwa kein Mann? Natürlich war ich auch verheiratet. Frau, Haus, Kinder, einfach alles ... die ganze Katastrophe." Und er sagte auch: "Probleme? Das Leben ist ein Problem. Nur der Tod ist kein Problem."

Achtsam oder nicht, letztlich treffen wir unsere Entscheidungen immer selbst und müssen dann mit den Konsequenzen leben. Trotzdem wissen wir nie, was als nächstes kommt. Die ständige Ungewißheit des Lebens ist ein wichtiger Teil der "ganzen Katastrophe".

Die Frage ist: Können wir lernen, alle Lebensumstände für uns zu nutzen, selbst die schwierigsten und belastendsten, um an Stärke und Weisheit und Offenherzigkeit zu wachsen, so wie ein Seemann die verschiedensten Winde zu nutzen weiß, um ein Segelschiff in eine bestimmte Richtung fahren zu lassen?

Wenn wir unsere Kinder sicher durch alle Stürme geleiten wollen, so daß sie in einer geborgenen Umgebung ihren Bedürfnissen und ihrem inneren Zeitplan entsprechend heranwachsen können, und wenn wir bei alldem auch selbst weiter innerlich wachsen wollen, so ist es eine absolute Notwendigkeit für uns, alle Situationen unseres Lebens für uns zu nutzen.



aus dem Buch:Mit Kindern wachsen
Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie; von Jon und Myla Kabat-Zinn.    

Jon Kabat-Zinn, Verhaltensmediziner und Achtsamkeitslehrer, und seine Frau Myla zeigen in ihrem Buch, wie das Leben mit Kindern ein Weg von ungeahnter Tiefe und Erfüllung sein kann. Mit seinen vielen praktischen Beispielen und konkreten Hinweisen für ein harmonisches Leben mit Kindern ist das Buch, nicht nur für Eltern, ausgesprochen wertvoll.

 

So entwickeln Sie mehr Achtsamkeit und
Gelassenheit im Erziehungsalltag:


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Copyright & Page created by Ralf M. Hiltmann, März 2005;
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